Die Kirche des 13. Jahrhunderts sah sich auf der Ebene glaubensreflektierenden, teilweise auch schon echt theologischen Denkens von einer entscheidenden Frage herausgefordert, deren Beantwortung große wissenschaftsgeschichtliche Wirkung entfalten sollte: Im Zusammenhang mit der seinerzeitigen Aristoteles-Rezeption war der Konflikt aufgebrochenen zwischen einerseits jenen kirchlich gebundenen Denkern, die sich für die Übernahme der aristotelischen ‚Dialektik‘ und damit einer vor-christlichen, einer „heidnischen“ Methodik und Logik in das glaubensreflektierende Denken aussprachen, die also für die Transformation dieses Denkens zu echter, zu mithin methodisch gesicherter, vernunftgeleiteter und ergebnisoffener Theologie votierten, die sich innerhalb des Diskurses rechtfertigungspflichtiger Wahrheitsbehauptung zu behaupten hätte. Andererseits hingegen standen die (zumeist monastischen) Vertreter der ‚Anti-Dialektik‘ bzw. des ‚Fideismus‘, für die ein in die spirituellen Grundvollzüge des Glaubens eingebundenes und diesen Grundvollzügen geradezu dienstverpflichtetes, insofern also rein glaubensreflektierendes Denken maßgeblich war und für immer bleiben sollte. Letztlich entschieden wurde dieser Streit für den Bereich des an den Bischofs- und Stadtschulen, später dann im universitären Lehr- und Forschungsbetrieb praktizierten Denkens zu Gunsten jener, der Theologie, zu Gunsten also des Wissenschaftscharakters des an den genannten Institutionen ausgeübten und vermittelten Denkens: Theologisches Sprechen wird nur dort praktiziert, wo die Dialektik, also die logica nova[1] installiert und maßgeblich ist. Diese Klärung geschah damals vor allem aufgrund der Vermittlungsleistung des Thomas von Aquin (um 1224-1274).

Nur insofern sich auch heutige Theologie in systematischer Integration säkularen, in diesem Sinne „heidnischen“ wissenschaftlichen Sprechens zu gestalten vermag, steht ihr – wie einst der Theologie des 13. Jahrhunderts – die Möglichkeit offen, überzeugungsfähig teilzunehmen am Wettstreit religiöser und weltanschaulicher Ideen. Theologie muss hierfür aber einleitend geordnet und definitorisch abgegrenzt werden von anderen wissenschaftlichen Begriffsanstrengungen. Als erste derartige Differenzierung schlage ich vor:[2]

Religionsphilosophie beantwortet die Frage, was Religion für den Menschen als Menschen bedeuten. Darin arbeitet sie einen Vernunftbegriff und eine Ontologie aus, die von den jeweiligen Theologien der einzelnen Religionen und Konfessionen als Grundlage und als kategorialer Rahmen ihres methodisch-rationalen und richtigen, mithin wissenschaftlich verantworteten Diskurses übernommen werden können, im Interesse formal-wissenschaftlicher Konsistenz und Wahrheitsfähigkeit.

Theologie weist aus und erschließt in fortwährender hermeneutischer Arbeit einzelne Lehren und Gehalte einer bestimmten Religion oder Konfession und erarbeitet deren immanente systematische Ordnung. Damit rechtfertigt sie zugleich den Wahrheitswert der jeweiligen Religion gegenüber anderen Religionen und Weltanschauungen, durch Verwendung und Beachtung nämlich der Regeln vernünftigen Redens überhaupt. Zugleich ermöglicht sie so den interreligiösen und den interkonfessionellen Dialog. Das vorausgesetzte und fokussierend erkenntnisleitende Interesse der theologisch-hermeneutischen Begriffsarbeiten besteht darin, vernünftige Argumente zur Stützung und Etablierung der jeweiligen Konfession bzw. Religion zu formulieren. Theologie lässt sich im Interesse formal-wissenschaftlicher Konsistenz und Wahrheitsfähigkeit ihrer Aussagen als wissenschaftliches Arbeiten den von ihr je in Anwendung zu bringenden grundlegend-bedingenden Vernunftbegriff und damit die von ihr je vorausgesetzte Ontologie erarbeiten und übergeben von der Philosophie bzw. Religionsphilosophie. Dadurch gibt sie ihrem methodisch-rationalen Diskurs eine ontologisch Grundlage und einen kategorialen Rahmen. Katholische christliche Theologie übernimmt diese ihre ontologische Grundlegung von der christlichen Philosophie.

Christliche Philosophie weist aus und erschließt in fortwährender hermeneutischer Arbeit die Wahrheit einzelner Lehren der christlichen Religion und erarbeitet deren systematische Ordnung. In eins damit rechtfertigt sie den Wahrheitswert des Christentums gegenüber anderen Religionen und Weltanschauungen, unter Verwendung und Beachtung der Regeln vernünftigen Redens überhaupt, aber ohne die eigene Begriffsarbeit, anders als im Falle der Theologie, intensional-gegenständlich auf die Sätze und Lehren der christlichen Religion beschränkt sein und nur als deren hermeneutische Erschließung und diskursive Verteidigung agieren zu lassen. Sie arbeitet zudem einen Vernunftbegriff und eine Ontologie aus, die von der katholisch-christlichen Theologie als Grundlage und kategorialer Rahmen deren rationalen Diskurses übernommen werden können.

Literaturverzeichnis

Anselm von Canterbury [DIV]: Über die Fleischwerdung des Wortes (De incarnatione verbi), in: Allers, Rudolf: Anselm von Canterbury. Leben, Lehre, Werke, übers. v. Rudolf Allers, Wien (Hegner) 1936, S. 419-445.

Anselm von Canterbury [Pros. I]: Proslogion I, in: Allers, Rudolf: Anselm von Canterbury. Leben, Lehre, Werke, übers. v. Rudolf Allers, Wien (Hegner) 1936, S. 353-356.

Höffe, Otfried [Aristoteles]: Aristoteles, München 1996.

Gouguenheim, Sylvian [Aristoteles]: Aristoteles auf dem Mont Saint-Michel. Die griechischen Wurzeln des christlichen Abendlandes, Darmstadt 2011. Xyz1 fuytrenniene etc. Firmatieren

Anmerkungen

[1] ‚Logica nova‘ in Fortschreibung der ‚logica vetus‘: Bis zu der ab ca. 1120 erfolgenden Rezeption der „Ersten Analytik“, der „Zweiten Analytik“, der „Topik“ und der „Sophistischen Widerlegungen“ des Aristoteles war im Mittelalter eine aus den lateinischen Übersetzungen von Aristoteles’ „Kategorien“ und „Hermeneutik“, aus Porphyrios’ „Einleitung in die Kategorien“ und aus Boethius’ logischen Traktaten bestehende Logik in Anwendung, die dann, mit Einsetzen der großen Aristoteles-Renaissance, zur „logica vetus“ („alte Logik“) wurde, in Abgrenzung von der nunmehrigen „logica nova“ („neuen Logik“) (vgl. O. Höffe, Aristoteles, 282ff). Die nun insgesamt als (logisches) ‚Organon‘ subsumierten aristotelischen Schriften zur Logik und Wissenschaftstheorie (‚Erste Analytik‘, ‚Zweite Analytik‘, ‚Topik‘ und ‚Sophistische Widerlegungen‘) wurden dann zusammen mit anderen, ebenso neu rezipierten aristotelischen Schriften zur Naturphilosophie, Metaphysik und Ethik (‚De anima‘, ‚Physik‘, ‚Nikomachische Ethik‘ und ‚Metaphysik‘) zu integralen Momenten des neu installierten Wissenschafts- und Vernunftbegriffs. Dieser sollte bis Galileo Galilei bzw. Rene Descartes faktisch in Geltung gesetzt bleiben. Zur aktuellen Kritik an der These der Abhängigkeit der abendländischen Aristoteles-Rezeption von dessen islamischer Vermittlung vgl. Sylvain Gouguenheim, Aristoteles.

[2] Dass sich die im Folgenden vorgetragene Konzeption von Theologie als einer rein rationalen Argumentationspraxis zu recht auf Anselm von Canterbury berufen kann, bedürfte einer ausführlichen Begründung, deren Kernelemente hier aber nur angedeutet werden können. Wenn Anselm den Glauben zur Voraussetzung macht der Glaubensreflexion, dann nicht in dem Sinne, dass hiermit ein ausschließlich vernünftiges Tun unterminiert werden würde, dass er also die Forderung nach Ausweis und Rechtfertigung der Rationalität besagter Glaubensgehalte relativierte zu Gunsten irgendwelcher nicht-rational zustimmungsfähiger Gehalte eines (wie auch immer vorgestellten) Glaubensmysteriums. Vielmehr gibt er der Glaubensreflexion eine Vorschrift in der Wahl ihres Gegenstandes und ihres Argumentations- bzw. Beweiszieles – „kein Christ soll darüber Erwägungen anstellen, wie etwas, was die katholische Kirche mit ihrem Herzen glaubt und mit ihrem Mund bekennt, nicht sei“ (Anselm, DIV I, 428)! M.a.W.: Anselmsche Glaubensreflexion und eine von Anselm aus rekonstruierte Theologie suchen ausschließlich nach Argumenten, die das in gläubig-kirchlichem Sprechen Bekannte und Behauptete zu bestätigen, zu bekräftigen, in den Kanon des insgesamt Verstandenen einzutragen vermögen – sie suchen nach dem „Grund […] wie etwas sei“ (a.a.O.). Dies aber machen sie ausschließlich rational und vernünftig. Wenn jemand jedoch das Geglaubte nicht in dieser Art zu verstehen vermag, „so setze er sich nicht Hörner auf, um wegzustoßen, sondern neige verehrend sein Haupt“ (a.a.O.). Theologie bei Anselm ist ganz und gar vernünftiges Reden, keineswegs bedarf sie einer Erkenntnisquelle jenseits/außerhalb der Vernunft. Die berühmte anselmsche Formulierung „Credo ut intelligam“, „ich glaube, um einzusehen „ (Anselm, Pros. I, 356) meint entgegen der dominant traditionsbildenden theologischen Lehre keine Inanspruchnahme einer zweiten, einer gar ‚höheren‘ Erkenntnisquelle i.S. der thomanisch-thomistischen Stockwerketheologie, sondern nur dieses, von der Vernunft Gebrauch zu machen im Interesse einer Bewahrheitung der eigenen, hier: der christlichen Religion und hierbei stets gebunden zu bleiben an die Geltungsbedingungen und an die Kriteriologie, die in bzw. mit der einen Vernunft selbst gegeben sind. Eben hierdurch ist und bleibt christliche Theologie verständiger Gesprächspartner der Vertreter anderer Religionen, Philosophie und Weltanschauungen.